Studien: Lebensmittelverschwendung (WWF & REFRESH)

ZIEL: Lebensmittelverschwendung bis 2030 um 50% halbieren

Autor: Boris Messing
Am 8. Januar 2018 haben wir Euch über die REFOWAS-Studie, dessen Abschlusskonferenz, die Mitte März diesen Jahres stattfinden wird, informiert. Im Folgenden möchten wir Euch zwei weitere internationale Studien zur Lebensmittelverschwendung vorstellen. Sowohl die WWF-Studie aus dem Jahr 2015 als auch die noch laufende REFRESH-Studie haben zum Zweck für alle Akteure - Politik, Wirtschaft und Verbraucher – nachhaltige Entwicklungsziele zu entwerfen, welche die Lebensmittelverschwendung bis 2030 um 50% halbieren soll. Das ist auch das erklärte Ziel der Bundesregierung. Allerdings fehlt bis heute ein konkreter Plan zur Umsetzung dieses ehrgeizigen Zieles.

Es gibt keine Standards der Erfassung und Zuordnung der weltweiten Lebensmittelverschwendung.

Die weltweite Lebensmittelverschwendung ist ein Problem mit weitreichenden Folgen – für die Umwelt (Emissionen, Ressourcenverschwendung etc.), für die Wirtschaft (Nachhaltigkeit, Rentabilität etc.), für die Politik (als Bindeglied aller Akteure, als Partner internationaler Verträge wie z.B. des Pariser Klimaabkommens etc.), und nicht zuletzt ein ethisches Problem angesichts der weltweit über einer Milliarde hungernder Menschen. Obwohl es in der Vergangenheit bereits viele Studien zur Lebensmittelverschwendung gegeben hat, ist eine grundsätzliche Meta-Analyse des Problems schwierig, da Methoden und Prämissen zur Bemessung der Lebensmittelverschwendung von Studie zu Studie variieren. Es gibt keine Standards der Erfassung und Zuordnung der weltweiten Lebensmittelverschwendung. Die REFRESH- und WWF-Studien bauen auf den Ergebnissen vorheriger Studien auf und integrieren diese, sie bilden gemeinsam den aktuellsten Forschungsstand nach (wobei die endgültigen REFRESH-Ergebnisse erst mit Ablauf der Studie 2019 veröffentlicht werden). Die wichtigsten Fakten beider Studien:

190kg landen jährlich pro Kopf im Müll

Lebensmittelverschwendung SirPlusGeschätzt wird, dass weltweit zwischen 30% und 40% aller Lebensmittel in der Mülltonne landen, in den Industrieländern davon knapp die Hälfte durch den Endverbraucher. Das sind allein in Deutschland je nach Studie zwischen 11 und 18 Millionen Tonnen an Lebensmitteln. Oder anders ausgedrückt: pro Kopf 190 kg im Jahr. Laut der European Commission (Stand 2015), einem der wichtigsten Partner der REFRESH-Studie, werden in ganz Europa über 100 Millionen Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen, eine Zahl, die schwer zu fassen ist. Vielleicht ist sie einfacher zu verstehen, wenn man sich vor Augen führt, dass man mit dieser Menge alle hungernden Menschen auf der Welt gleich zwei Mal ernähren könnte.

Liegt die Verschwendung bei den Schwellenländern hauptsächlich an infrastrukturellen Problemen (Ernte- und Prozessverluste), so verhält es sich in den westlichen Industrieländern genau umgekehrt: durch Ernte und Verarbeitung gehen kaum Lebensmittel verloren, das Gros der Lebensmittelverschwendung fällt auf die Großverbraucher (Gastronomie, Betriebsküchen etc.), Lagerung und Logistik, den Groß- und Einzelhandel und den Endverbraucher.


Der/die Einzelne ist gefragt

Lebensmittelverschwendung WWF Studie

Gerne schieben die Verbraucher alle Übel auf die Politik oder hemmungslose Wirtschaftsinteressen. Und es besteht kein Zweifel, bei der Bundesregierung und ihren europäischen Pendants besteht akuter Handlungsbedarf hinsichtlich der immensen Lebensmittelverschwendung in der EU, der Druck, eine Wende herbeizuführen, wächst mit jeder Studie. Nicht nur die 143 Milliarden Euro, die jährlich in Europa in den „Müll“ geworfen werden, sondern auch die Tatsache, dass die Lebensmittelabfälle drittgrößte Ursache von Kohlendioxid-Emissionen sind, zwingen zum Handeln, wenn das Pariser Klimaabkommen von 2017 keine Fußnote in der Geschichte bleiben soll.

Für die Wirtschaft gilt das gleiche, immerhin gehen 60% der Lebensmittel entlang der Wertschöpfungskette verloren. Der WWF schätzt, dass Ernte- und Nachernteverluste (Lagerung, Logistik) und Verluste bei der Verarbeitung von Lebensmitteln kaum vermieden werden können; beides macht aber nur einen geringen Anteil aus. Einen Großteil der Abfälle ließe sich bei den Großverbrauchern (70%) und im Groß- und Einzelhandel (90%) vermeiden. Gerade bei den beiden letztgenannten liegt einer der Knackpunkte des Problems.

Auf Grund der Konsumentenerwartung an Frische und Verfügbarkeit, an Optik und Textur der Lebensmittel schmeißen Supermärkte oft weg, was eigentlich noch genießbar wäre; eine systematische Überproduktion sorgt dafür, dass die Regale immer voll sind. Die Erwartungshaltung des Konsumenten an das „optimale Produkt“ zwingt den Groß- und Einzelhandel dementsprechend zu handeln. Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD), welches die ästhetische Qualität des Lebensmittels garantiert, ist faktisch kein Verfallsdatum, in den meisten Fällen ist das Produkt noch wochen- bis jahrelang genießbar (wir werden über das MHD und die tatsächliche Haltbarkeit von Lebensmitteln an anderer Stelle noch ausführlicher berichten). Mit geschätzten 40% bilden die Einzelkonsumenten die größte Gruppe innerhalb des Spektrums der Lebensmittelverschwendung. Besonders hoch sind die Tonnagen an vermeidbaren Verlusten bei Getreideerzeugnissen sowie bei Obst und Gemüse, und auch Kartoffeln und Milcherzeugnisse gehen in einem beachtlichen Ausmaß verloren.
Die Hauptgründe für Konsumentenverlust:

  • Schlechte Einkaufsplanung;
  • Falsche Lagerung;
  • Abfälle bei der Essenszubereitung;
  • MHD ist abgelaufen;
  • Essensreste, die nicht verwertet werden.

Anstatt auf die große Lösung von Politik und Wirtschaft zu warten, kann jeder/jede einzelne dazu beitragen, das Problem der Lebensmittelverschwendung in den Griff zu kriegen.

Ökologischer Fußabdruck so groß wie Mecklenburg-Vorpommern

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Der ökologische Fußabdruck ist die Fläche auf der Erde, die notwendig ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen. Neben der Fläche, die für die Produktion von Nahrung und Kleidung oder zum Binden des durch menschliche Aktivität freigesetzten Kohlenstoffdioxids gebraucht wird, beinhaltet das auch Parameter wie den Energieverbrauch und die Müllentsorgung. In Deutschland ließen sich bei allen vermeidbaren Lebensmitteln so ca. 320 Quadratmeter Fläche pro Person einsparen, insgesamt mehr als die Fläche des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Abstrakt ausgedrückt: Mehr als 2,6 Millionen ha werden „umsonst“ bewirtschaftet, fast 48 Millionen Tonnen Treibhausgase werden dadurch ausgestoßen. Von den 18 Millionen Tonnen jährlich weggeschmissenen Lebensmitteln ließen sich laut WWF fast 10 Millionen Tonnen einsparen, was den ökologischen Fußabdruck erheblich verringern würde. Mit der Reduzierung von Lebensmittelverlusten wird also nicht nur das Klima geschont, sondern auch wertvolle Ressourcen wie Wasser und Treibstoff eingespart.


WWF-Studie (Juni 2015):
http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF_Studie_Das_grosse_Wegschmeissen.pdf

REFRESH-Studie (Juli 2015 – Juni 2019):
http://eu-refresh.org/

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